Initiale der Urkunde von 1239

Gehen wir ins Jahr 1239: Friedrich vom Hain, Schlossherr auf Burg Hainchen, war mit den Patronatsrechten der Kirche in Netphen belehnt. Er bat seinen Lehnsherrn, diese Rechte dem von ihm gegründeten Kloster Keppel zu überschreiben. Dies geschah durch Urkunde des Grafen Heinrich von Nassau am 6. Juni 1239. Die Kirche in Netphen verlor den eigenen Pastor und sämtliche Einkünfte und war nun von der wohlwollenden Unterstützung des Klosters abhängig. Es ist gut vorstellbar, dass deswegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Kirche baufällig wurde und das Kirchenschiff abgerissen werden musste. 1325 wurden der Kirche in Netphen auf dem Konzil von Avignon Ablassprivilegien gewährt, mit denen man dann bis 1350 den Neubau des Kirchenschiffes bezahlen konnte, das im wesentlichen der heutigen Kirche entspricht.


Bewegung kam in die Kirchengeschichte Netphens in der Reformationszeit. Im Jahre 1535 – also 18 Jahre nach dem Beginn der Reformation – wird in Netphen der erste evangelische Pfarrer, Johannes Lampius, durch den Grafen Wilhelm von Nassau-Oranien, genannt der Reiche, eingesetzt (bis 1560). Noch im Jahre 1580 rügt allerdings die Synode in Siegen, dass Netphen die letzte Pfarrei sei, in der noch keine lutherische deutschsprachige Bibel vorhanden sei. Nehmen wir einmal an, die Armut der Kirchengemeinde sei der Grund gewesen und nicht die Gleichgültigkeit der Pastoren.

Der Sohn Wilhelms des Reichen, Johann VI., der Ältere, führte im Jahr 1581 nach eifrigem persönlichem Studium der Bekenntnisschriften für seine Lande den Heidelberger Katechismus und somit das reformierte Bekenntnis ein. „Zu reformiert“ war dem Grafen aber auch nicht recht, denn er kritisierte nach Besuch eines Gottesdienstes in Netphen im Jahr 1590, dass Laien das Abendmahl hatten austeilen helfen.

Johann VII., der Mittlere, erbte von seinem Vater das Siegerland. Er vererbte ein Drittel des Siegerlandes an seinen Sohn Johann VIII., den Jüngeren, allerdings nur nach dem eidlichen Versprechen, den Bekenntnisstand seines Erblandes zu achten. Denn dieser hatte die katholische belgische Prinzessin Ernestine von Ligne geheiratet und war 1613 in Rom zum katholischen Glauben konvertiert. Nach dem Tode seines Vaters (1623) verfügte er 1626 die Absetzung des evangelischen Pfarrers Johannes Dilphius und die Übergabe der Kirchen im Netpherland an die Jesuiten. 1630 wurde der katholische Pfarrer Gottfried Leichlein in Netphen eingesetzt, 1632 von Graf Johann Moritz (dem späteren Fürsten) durch den reformierten Pfarrer Textor ersetzt, der schon 1635 starb. Darauf holte Johann der Jüngere den katholischen Pfarrer Leichlein zurück, der bis 1651 im Amt blieb. Auf Grund der Bestimmungen des Westfälischen Friedens von 1648 wurde dann 1651 die Kirche in Netphen zur Simultankirche erklärt (beide Konfessionen nutzen die gleiche Kirche nebeneinander) und auch wieder ein evangelischer Pfarrer eingesetzt.

Die 1753 beschädigte Bibel

In den folgenden 100 Jahren war das Simultaneum von mancherlei Streit, gegenseitiger Missachtung und Konkurrenzkampf belastet. Besonders in den 40er und 50er Jahren des 18. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Übergriffen, z.B wurde eine „katholische“ Heiligenfigur aus der Kirche entwendet und in Verkleidung mit Brille hoch in einen Apfelbaum gesetzt. Die Evangelischen entfernten zweimal eine Kommunionbank, um einen Abendmahlstisch aufzustellen. Sehr erbost waren die Katholiken, dass die Evangelischen bei der Obrigkeit das Recht erstritten, die ihnen gehörende Orgel mitzubenutzen – und das unentgeltlich. Schließlich dann nahm sich der katholische Vikar Pfeiffer am 1. Pfingsttag 1753 die evangelische Bibel vor, die man – aus Versehen oder als Provokation - auf dem Altar hatte liegen lassen, riss Seiten heraus, fügte anderen Seiten tiefe Schnitte zu. Die Bibel existiert noch - zerschnitten und die fehlenden Seiten handschriftlich ergänzt. Die Pfarrer wurden von der Obrigkeit nach Dillenburg vorgeladen, um sich einen Verweis und den Auftrag abzuholen, die beiden Gemeinden zur Ordnung zu rufen.

In späteren Jahren muss man von einem ausgesprochen friedlichen Nebeneinander der Kirchengemeinden und oft freundschaftlichen Beziehungen der Pfarrer sprechen. Pfarrer Köhne hat auf dessen Wunsch 1874 die Grabrede für seinen katholischen Kollegen Vogel gehalten. Natürlich gibt es die Geschichten, dass die Katholiken am Karfreitag Mist gefahren haben und die Evangelischen bevorzugt am Fronleichnamstag ihre Wäsche auf die Leine gehängt haben. Aber das tat dem Frieden zwischen den Gemeinden keinen Abbruch. Die Zusammenarbeit hat sich ständig verbessert.

Nachzutragen wäre noch, dass während des 30-jährigen Krieges (1618 – 1648) in den Jahren 1635 und 1636 auch in den 25 Orten des Kirchspiels die Pest gewütet hat. Etwa ein Drittel der Bevölkerung wurde dahingerafft. Neben der Kirche wurden vor einigen Jahren bei Renovierungsarbeiten die Pestgräber entdeckt, deren Lage bis dahin unbekannt war.

1658 waren im Kirchspiel einzelne Ortschaften wie Netphen, Eckmannshausen oder Walpersdorf überwiegend katholisch, während in den anderen Ortschaften die Familien ihre evangelische Konfession verteidigt hatten. (Gesondert zu sehen sind die Ortschaften des Kirchspiels Irmgarteichen im heutigen Netphen, die eindeutig katholisch geprägt waren.)

Konfirmandenhaus hinter dem alten Pfarrhaus

1897 wurde das Simultaneum aufgelöst, nachdem die katholische Kirchengemeinde eine ihren Bedürfnissen entsprechende größere Kirche gebaut hatte. 1902/03 baute sich die evangelische Kirchengemeinde das sogenannte Konfirmandenhaus neben dem heutigen Gemeindehaus als einen Versammlungsraum der Gemeinde. 1917 kam es zu einem Kirchenbrand, bei dem das Feuer mit einer langen Menschenkette gelöscht wurde, die von der Obernau bis zur Kirche die Eimer weiterreichte; trotz der Bemühungen ging fast die gesamte Inneneinrichtung verloren.

1901 wurde die Kirchengemeinde in zwei Seelsorgebezirke mit zwei Pastoren aufgeteilt; 1910 erhielt der Gemeindebezirk Deuz seine eigene Kirche, 1937 der Gemeindebezirk Dreis-Tiefenbach. Seit 1928 gab es drei Seelsorgebezirke. Allerdings erwies es sich in den Nachkriegsjahren als immer schwieriger, die riesige Kirchengemeinde mit ihren zahlreichen Presbytern zu verwalten. So wurde 1964 die Aufteilung der Kirchengemeinde in drei selbständige Kirchengemeinden beschlossen.

 

Seither entwickelt sich die Kirchengemeinde Netphen eigenständig weiter. Ein Kindergarten wird von der Kirchengemeinde getragen. 1982 wird das Gemeindehaus unter Verwendung des alten Pfarrhauses gebaut. Die Zahl der Gemeindeglieder nimmt zu, die Gemeindearbeit weitet sich ständig aus. Für wenige Jahre wird eine zweite Pfarrstelle eingerichtet, aber seit einigen Jahren ist die Zahl der Gemeindeglieder wieder rückläufig mit schwerwiegenden Folgen für die Gemeindefinanzierung. Seit 2007 bleibt Netphen nur eine Pfarrstelle. Die Zukunft der Kirchengemeinde wird neue Probleme bringen. Inzwischen erscheint die Vereinigung der drei Netpher Kirchengemeinden und eine weitere Reduzierung der Pfarrstellen möglich. Zu wünschen bleibt, dass die Menschen immer verstehen werden, in welche Zukunft Gott sie führen will.

Klaus Seidenstücker